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"Zu ihrer großen Augenlust gesellt sich frei-
lich ein bemerkenswerter Gestaltungsehrgeiz,
der sich mit der klassischen Tafelmalerei
messen lässt. Nein, keine blitzschnell er-
haschten Schnappschüsse, ganz anders: Alle
diese Photographien sind, nicht anders als
ihre Sujets, mit großer Sorgfalt gebaut, also
in eine so und kein bisschen anders gewollte
Form gebracht worden."
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Die Architektur und ihre Verlockungen
Ein Text von Manfred Sack
Architektur übt von jeher einen großen visuellen Reiz aus, selbst wenn sie eigentlich nur nebenbei dafür geschaffen worden ist. Denn sie gehört nun einmal nicht zu den bildenden, sondern zu den Gebrauchskünsten. Ein Haus, das alle in Entzücken versetzt, aber sich miserabel nutzen lässt, ist nun einmal ein missratenes Haus.
Gleichwohl haben wir nun einmal alles Gebaute vor unseren Augen, ungefragt. Doch sehen wir wirklich jedes Mal genau, was wir sehen? Sind wir deshalb nicht oft erstaunt darüber, was Photographen fixiert, also entdeckt haben, was uns bisweilen jahrelang entgangen ist? Freilich haben sie uns etwas voraus: Sie sehen die Welt bei ihrer Arbeit spätestens auf den zweiten Blick immer gerahmt. Tatsächlich ist der Sucher, durch den sie schauen, eine unübertreffliche Hilfe bei ihrem Bemühen, etwas abzubilden, das heißt: etwas ins Bild zu rücken. Und warum gibt es dann dennoch wenigstens drei verschiedene Arten, Architektur zu photographieren?
Da sind die einen, die im Auftrag von Architekten deren brandneue Gebäude umgehend, nämlich in ausdrücklich jungfräulichem Zustand aufnehmen, ehe er für immer und ewig verwischt, womöglich verdorben oder entstellt sein wird, sobald das mit ihnen geschieht, wofür sie errichtet worden sind: durch Eigentümer, Mieter, Büroangestellte, Fabrikarbeiter, Besucher, kurzum durch diejenigen Menschen, die in den Gebäuden wohnen, arbeiten, Feste feiern, zu Gericht sitzen, sich betrinken. Photographien dieser Gattung, schön und kühl haben meist etwas Aseptisches, Lebensfernes an sich.
Die anderen Photographen sehen gleichsam mit jedermanns Augen, die Reporter. Ihre visuelle Neugier wird weniger von der schönen, womöglich außerordentlichen Architektur gereizt als von dem, was darin geschieht. Menschen sind ihnen wichtiger als Gestaltungsmerkmale von Gebautem oder die Atmosphäre von Räumen darin.
Die dritten hingegen, zu denen Barbara Burg und Oliver Schuh gehören, treten gewissermaßen als letzte auf. Sie genießen den Luxus des genauen, künstlerisch trainierten, oft geduldig erkundeten, deshalb nicht selten überraschenden Blickes. Er richtet sich immer auf das Besondere, das ein Bauwerk welcher Art auch auszeichnet, genauer: auf das, was seinen oft nur allein ihm eigenen Charakter offenbart. Manchmal sehen wir auf ihren Bildern Gebäude als Ganzes, mit Himmel und nächster Umgebung, mit Vorder- und Hintergrund. Manchmal trieb es sie, ein Bauwerk im Dunkeln aufzunehmen, weil erst das Licht seine Eigenart hervorkehrt. Am liebsten aber wohl suchen sie Ausschnitte, die den besonderen Reiz des Gebäudes wiedergeben, und lassen sich davon faszinieren: vom Raffinement einer abenteuerlichen Konstruktion, von der ausgeklügelten Farbgebung, vom gewitzten Gebrauch natürlichen oder künstlichen Lichtes, von den bizarren Windungen eines runden, scheinbar im Himmel verschwindenden Treppenhauses oder einer verblüffend dekorativen Decken- oder Dachkonstruktion.
Barbara Burg und Oliver Schuh fanden dergleichen in europäischen Stadien, riesigen Hallen, Bankhäusern und Schulen, in Fabriken, Bürohäusern, Museen, Klöstern, in Villen, Werkstätten, Bahnhöfen oder Reihenhäusern. Zu ihrer großen Augenlust gesellt sich freilich ein bemerkenswerter Gestaltungsehrgeiz, der sich mit der klassischen Tafelmalerei messen lässt. Nein, keine blitzschnell erhaschten Schnappschüsse, ganz anders: Alle diese Photographien sind, nicht anders als ihre Sujets, mit großer Sorgfalt gebaut, also in eine so und kein bisschen anders gewollte Form gebracht worden. Als Ordnungsprinzip erkennt man die Symmetrie, sagen wir lieber: eine merkwürdig vollkommene Ausgewogenheit. Jedes Photo "steht", kippt weder links noch rechts aus dem Rahmen. Teils ist diese Ordnung streng axial, teils herrscht die Diagonale, manchmal ergeben sich wunderbare formale Spannungen, die mit visuellen Gegengewichten raffiniert austariert sind oder von irgendeiner bildbeherrschenden Pointe zusammengehalten wird. So begegnet man auch Gebäuden, Räumen, Dächern, Treppen, die sich elegant emporzuschwingen scheinen, anderen, die in sich ruhen und Stille ausstrahlen. In all dem erkennt man einen ausgeprägten Formwillen. Deshalb haben diese Photographien auch nichts Gemütliches an sich. Selbst die hölzerne Werkzeug- und Modellpinnwand des Architekten Renzo Piano macht den Eindruck einer streng geordneten, wenngleich amüsanten Komposition.
Alles das lenkt wieder zurück auf den ersten Satz, nämlich dass gute Architektur große visuelle Verlockungen aussendet. Man muss sie nur zu empfangen und in rechteckige Bilder zu verwandeln wissen.